Natalie RickliNationalrätin

Nationalfeiertag der Kontraste: Zwei Frauen – zwei Welten

Dienstag, 1. August 2017

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli begeht den 1. August mit einem Rede-Marathon, die Stadtzürcher Gemeinderätin der Grünen, Elena Marti, proklamiert offene Grenzen. Und beide leisten Schwerarbeit.

Sie will gerade ihre tibetischen Teigtaschen in Ruhe fertig essen, an einem schattigen Plätzchen unter dem Baum, da wird sie doch prompt von einem Reporterteam gestört. Eine Fotografie ist gefragt und danach ein kurzes Gespräch, und beides ist nicht einfach zu haben, denn am Nationalfeiertag ist Elena Martis Programm auf die Minute genau getaktet: Die Nachwuchsband auf der Hauptbühne an- und absagen, auf den intergalaktischen Chor aufmerksam machen – und daran erinnern, dass die Spende heuer zwei Schweizer Piloten zugutekommt, die mit ihrem Privatflugzeug Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten.
 
Es ist Dienstagnachmittag, brütend heiss, wir befinden uns mitten in der Stadt Zürich, auf der Bäckeranlage, im multikulturellen «Chräis Chäib». Elena Marti, 22 Jahre alt, Stadtzürcher Gemeinderätin der Grünen, Spanisch-Schweizerische Doppelbürgerin, bittet das Reporterduo um Geduld: noch eine letzte Ansage, dann steht sie parat.
 
Szenenwechsel: Ein paar Stunden zuvor, morgens um zehn Uhr, zeigt sich die drittgrösste Stadt des Kantons Zürich feiertäglich verschlafen. Nur wenige Menschen und noch weniger Autos beleben die Strassen von Uster, mit einer grossen Ausnahme: Im Stadtpark füllen sich die Festbänke im Nu, und wer kann, der rettet sich jetzt schon unter einen Sonnenschirm. Die ersten Cüpli werden serviert, der Schweinshals dreht sich auf dem Grill, Ländlermusik beschallt den Platz – und Natalie Rickli schüttelt zahlreiche Hände. Die SVP-Nationalrätin aus Winterthur hat dieses Jahr einen wahren Rede-Marathon zu absolvieren; Uster ist der Auftakt und der erste Termin, danach geht es weiter nach Buch am Irchel, Hittnau und Richterswil. So viele Reden an einem Tag, sagt Rickli, habe sie noch nie gehalten, und mindestens zehn zusätzliche Anfragen habe sie absagen müssen.
 
Psalm und Essen aus Peru
 
Die paar Minuten vor ihrem Auftritt nutzt sie für kurze Gespräche, nach der Rede und nach dem Singen der Nationalhymne (stehend) muss sie das Ustermer Fest sofort verlassen und weiterziehen, den üppigen Strauss im Arm und warmen Applaus im Ohr. Bis zum späten Dienstagabend wird die 40-jährige SVP-Nationalrätin den Schweizerpsalm in- und auswendig können – und ihre Wohnung in ein Blumenmeer umkrempeln müssen. Elena Marti hält keine Rede an der alternativen 1.-August-Feier, dem «Äms Fäscht». Darauf verzichte man bewusst, und wer auf die Bäckeranlage komme, der wisse, worum es gehe. Am Nachmittag sind es vor allem Familien, die sich auf der Wiese niederlassen, Häppchen aus Tibet, aus Senegal, Sri Lanka, Peru oder Israel verzehren – oder zur guten alten Bratwurst greifen.
Die grüne Politikerin gehört zu den Gründerinnen des Fests, Absicht und Botschaft sind glasklar: Für eine Welt ohne Grenzen, gegen Abschottung und Ausweisung, zusammen feiern, egal, woher man kommt, wie alt man ist oder wie dick das Portemonnaie gefüllt ist. Sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter, sagt Marti, hätten realisiert, dass sich junge Leute kaum für 1.-August-Feiern interessierten, weil diese zu sehr von einem patriotisch-konservativen Geist geprägt seien. «Wir wollen zeigen, dass die Multikulturalität positive Seiten hat, dass das Zusammenleben gut funktioniert und bereichernd ist», so Marti. Überhaupt solle man gerade am Nationalfeiertag nicht vergessen, wer zum Wohlstand der Schweiz mitgetragen habe; all die Ausländer, die hier arbeiteten, die Saisonniers, die Strassen, Tunnels und Brücken gebaut hätten.
 
In Uster klingt die Botschaft der Hauptrednerin ziemlich anders. Natalie Rickli spricht über das Vertrauen in die Schweiz und in die Politik – das sie gefährdet sieht, unter anderem wegen der «Nichtumsetzung der Masseneinwanderungsinitiative». Das sind für die erfahrene, langjährige SVP-Politikerin gefährliche Signale; Rickli konstatiert die Missachtung eines Volksentscheids, und so etwas habe es in unserem Land noch nie gegeben. Das Ustermer Festvolk hört ihr zwanzig Minuten lang ruhig und konzentriert zu, es gibt weder Bravo- noch Buhrufe. Gut, die einen murren ein bisschen auf den Bänken, aber so dezent, dass es die Rednerin nicht hört.
 
Andere Meinungen zulassen
 
Natalie Rickli hält einen staatsmännischen Vortrag, zeigt sich beeindruckt von der englischen Premierministerin Theresa May und gar nicht amused über die amtierende Bundespräsidentin Doris Leuthard – die, ihrer Meinung nach, auf europäischer Ebene zu wenig konsequent Schweizer Interessen vertritt.
 
Könnte man sich Natalie Rickli auf der gleichen Festbank mit Elena Marti vorstellen? Die übrigens vor zwei Jahren nur knapp den Einzug in den Nationalrat verpasst hat? Ja, warum nicht – auch wenn es kaum zur grossen Verschwesterung kommen dürfte. Die SVP-Politikerin aus Winterthur betont stets, andere Meinungen zuzulassen, hart in der Sache, aber fair im Stil zu sein. Dass man in der Schweiz verschiedene Auffassungen haben und diese auch öffentlich äussern darf, gehört für Rickli zu den wichtigen Attributen unseres Landes. Würde sie sich also am «Äms Fäscht» auf die Wiese setzen und mit der grünen Nachwuchspolitikerin über die Zukunft der Schweiz fachsimpeln?
 
Elena Marti, seit Ende letzten Jahres Mitglied des Stadtzürcher Parlaments, ist Diskussionen mit politischen Gegnern gewohnt. Sie schätzt die konstruktiven Auseinandersetzungen in der Kommissionsarbeit – und hat erfahren, dass die Auftritte und Voten im Rat meist von einer anderen (einer theatralischen) Tonalität geprägt sind. Als Politikerin will sie sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen; dafür, dass den Armen nicht noch mehr genommen wird, oder für mehr Rechte für die Migrantinnen und Migranten – Ausländerstimmrecht auf allen Ebenen ist etwa ein Stichwort.
 
Bei Natalie Rickli wird sie mit solchen Vorhaben auf herzlich wenig Zustimmung stossen. Doch was die beiden so unterschiedlichen Politikerinnen gemeinsam haben: Sie hören zu und respektieren andere. Und beide sind sie Schwerstarbeiterinnen, wenn es darum geht, den Geburtstag der Schweiz zu feiern: Natalie Rickli seit über zehn Jahren als Marathon-Festrednerin, Elena Marti seit fünf Jahren als Organisatorin des «Äms Fäschts». Privatleben gibt es für beide Frauen kaum am 1. August.
 

zum Artikel auf nzz.ch

 


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